AW: ZUSCHAUER LIEGT IM KOMA
Nach sieben Tagen war der Bierfleck langsam von seiner ausgewaschenen Blue Jeans verschwunden.
Eigentlich war er gar nicht richtig verschwunden, er hat sich nur versteckt, wurde übertüncht von anderen Flecken verschiedenster Herkunft.
Seine Hose zeichnete sich nun als Tagebuch der letzten Woche ab.
Seit sie ihn verlassen hat verspürt er einfach nicht mehr das Bedürfnis sich gut zu kleiden, einen jeden Tag als neuen zu erkennen, jeden Tag mit einem sauberen Antlitz zu begrüssen.
Vor einer Woche hat die Zeit aufgehört, jeder Tag war nun der gleiche.
So wollte er auch sich nicht mehr verändern.
Doch wie der eine Tag älter, dreckiger wurde so entwickelte auch er sich. Wurde mehr und mehr beladen von der Zeit die er nicht wahrnehmen wollte.
Die Zeit rächte sich, wollte wenn er wieder aufwachen sollte sagen können - sie her, ich war doch da Du hat mich nur nicht bemerkt.
Zeit vergisst nicht.
Eigentlich hätte er unendlich erleichtert sein müssen, brauchte er nun nicht mehr in der Angst leben, dass das was vor sieben Tagen passierte eintreffen würde.
Seine grösste Befürchtung hatte sich bewahrheitet, er war jetzt angstfrei.
Ohne Hoffnung keine Angst!
Er konnte es nun mit jedem aufnehmen, schlenderte Nachts durch die schlimmsten Strassen und war meistens enttäuscht wenn ihm nichts passierte.
Nur rausgehen, der Welt sagen wie scheiß egal sie ihm ist.
Das war sein Leben in der letzten Woche oder viel mehr war es sein sterben.
Leben hatte eine andere Qualität; leben hieße Freude, erleben.
Sterben heißt vegetieren, geschehen lassen. Natürlich wurde das Leben durch den Tod beendet. Ein plötzlicher Tod der ein langes sterben nach sich zog.
Im Radio sang wieder einer dieser Schwätzer wie schlimm es doch ist wenn einem die Traumfrau verlässt. Was weiß der, wie kann er singen?
Man möchte schreien, die Welt zusammen schreien!
Jedem glücklich verliebten möchte man seine verdammte grinsende Fresse einschlagen bis sich sein Blut mit den Tränen der Freundin vermischt die in Zukunft einen entstellten Freund hat.
Man kann es aber nicht, so richten sich die Aggressionen gegen den eigenen, unschuldigen Körper.
Kummer wird mit Suff betäubt um erstarkt wieder aufzuwachen. Mehr Suff betäubt mehr Kummer.
Man sinkt, sinkt immer tiefer. Das einzige was wächst ist das Elende was man erblickt wenn man einen Spiegel betrachtet und sich fragt wer da eigentlich einen anschaut.
Eine Woche Koma nun, plötzlich erschlagen, aus der Zeit genommen. Sieben Tage ein fünf Minuten Film der nicht aufhören will.
An seinem Fenster geht eine Walkerin in ihrem pinken Jogging Anzug vorbei. Krampfhaft versucht sie Pfunde abzunehmen und verliert doch nur ihre Würde.
Würde - Würde? Selbst in ihrem pinken Schweinchenkostüm hatte sie noch ein besseres Auftreten als er in seiner Koma Kluft.
'Ich sehe keine Zukunft mehr für uns!'
Ihre Worte haben sich eingebrannt wie glühendes Metall. Die Hitze will seinen Kopf nicht verlassen, das glühen verbrennt seine Sicht.
Warum kann sie nicht mehr sehen? Wann ist sie blind geworden? War es ein langsamer Prozess waerend desser er blind war?
Niemals sagt jemand 'Ich höre oder fühle keine Zukunft mehr für uns!' dachte er.
Ans riechen wollte er nicht denken nachdem das einzige Wasser was seinen Körper in den letzten sieben Tagen gesehen hat die ca. 95% waren die sich im Bier befinden und selbst diese nur innerlich oder auf seiner Kleidung.
'Ich sehe keine Zukunft mehr für uns!'
Was für ein Urteil? Das Fallbeil hört man nur sehr kurz bevor es dunkel wird und die Sonne die durch sein Fenster schien war grau und düster.
Was war er jetzt?
Er lag im Koma als Zuschauer seines eigenen Leben.
__________________ To live is the rarest thing in the world. Most people exist, that is all. Oscar Wilde - The Soul of Man Under Socialism.
Geändert von Kylemore (27.07.2007 um 23:02 Uhr).
Grund: ach was solls, ich packe es wieder rein
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