Isving
Mitglied
Hallo Zusammen,
Hier eine nette Geschichte!
Die Zeit der Ehemänner
Der Garten ist lange winterfertig. Jetzt ist Zeit, ihn bei einer Tasse Tee aus dem Fenster zu betrachten und das eine oder andere Gartenbuch aus dem Bücherregal zur Hand zu nehmen. Nicht ganz neu, aber eine herrliche Winterlektüre sind die amüsanten Kurzgeschichten zum Thema Gärtnern von Peter Würth. Der Journalist erzählt von den großen Freuden und kleinen Leiden des Gärtnerns. In der Geschichte: „Der Rivale“ finden sich vor allem Ehemänner wieder, deren Ehefrau dem Garten verfallen sind. Der Winter ist die beste Jahreszeit für sie
Der Rivale
Ich liebe meine Frau . Und ich liebe unseren Garten. In dieser Reihenfolge. Eindeutig. Bei meiner Frau bin ich mir da nicht so sicher. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, ist sie müde und abgespannt, braucht Erholung. Das ist mehr als verständlich. Sie schließt dann die Tür auf, ruft mir : „ Hallo Schatz“ zu und geht in den Garten. Kein Kuss, keine Frage, wie es mir geht, nichts. Sie setzt eben Prioritäten.
Wenn bei mir nicht alles in Ordnung wäre, hätte ich sie sicher schon im Büro angerufen. Außerdem bin ich erwachsen und selbstständig. “Ihr“ Garten aber braucht sie.
Er wartet den ganzen Tag auf sie, wartet darauf gewässert, gedüngt, von Unkraut befreit zu werden. Ich kann ja selbst für mich sorgen, einkaufen gehen und mir etwas zu essen machen.
So ein Garten aber ist wie ein kleines Kind. Er braucht seine Nanny, sonst bockt er oder schlägt über die Stränge. Meint sie jedenfalls. Mindestens eine halbe Stunde lang wandelt sie dann durch die Idylle, betrachtet die Rose, bewundert den Rittersporn, strahlt die Hortensie an, flirtet mit ihren geliebten Lilien und macht den von Schnecken bedrohten Lupinen Mut. Und ich überlege, ob ich im nächsten Leben nicht als Kosmee wiedergeboren werde will. Mit welchem Glanz in den Augen sie die Dreimastblume anschaut, wie liebevoll sie die Trollblumen streichelt.
Man könnte direkt eifersüchtig werden. Was heißt könnte. Ich bin eifersüchtig. Und zwar zu Recht. Schließlich habe ich sie zuerst gekannt. Der Garten trat erst später in unser Leben. Und daran habe ich einen nicht unerheblichen Anteil. Ich habe ihn schließlich angelegt, während sie irgendwelche komische meetings hatte. Von mir stammt der letztendlich realisierte Grundriss. Und was ist der dank: meine Frau verliebt sich in ihn. Und noch nicht einmal eine ordentliche menage a trois ist möglich. Sie ist auch noch eifersüchtig, wenn ich etwas anderes mache, als ihm stilldienend Wasser zu geben.
Neulich sah ich auf dem Markt einen wunderschönen Ranukelstrauch , den ich voller Stolz nach Hause schleppte. Sie machte ein Gesicht, als hätte ich das Rosenbeet umgegraben. Es passte ihr einfach nicht in den Kram. Sie fand immer neue Ausreden, warum sie ihn nicht einpflanzen wollte. Die Farbe passte nicht, er würde zu groß werden , sie hätte den letzten zu vergebenen Platz schon anderweitig verplant.... Wir verschenkten ihn schließlich an Freunde. Sie hatte ihren Willen durchgesetzt.
Ich muss inzwischen richtgehend kämpfen, wenn ich von einem der beiden etwas will. Um ihn darf ich mich nicht mehr richtig kümmern und bei ihr spiele ich nur noch die zweite Geige. Ich gebe ja zu , dass er in manchen Dingen leichter zu handhaben ist als ich. Er widerspricht zum Beispiel grundsätzlich nicht, kommt nie zu spät und kriegt keine Wutanfälle. Aber das ist lange noch kein Grund mich zu ignorieren.
Am Wochenende geht es weiter. Nach dem ausgiebigen Samstagsfrühstück mit mir zieht es sie zu ihrem Geliebten. Wenigsten macht sie sich nicht auch noch schön für ihn. Ganz im Gegenteil: die älteste Jeans und T-Shirt sind gerade gut genug. Und angefasst wird er nur mit unförmigen Gartenhandschuhen. Das geschieht ihm ganz recht. Voller Elan stürzt sie sich ins Vergnügen und schon wieder keine Augen für mich. Stundenlang beschäftig sie sich mit ihm. Sie verschönert ihn, kocht Tabaksud für die von Ungeziefer befallenen Rosen, zupft hier und da, pflanzt dort etwas ein, da etwas um. Keine Mühe ist ihr zu groß, keine Gießkanne zu schwer, keine Erde zu schmutzig, kein Dorn zu spitz. Sie verausgabt sich total. Erst wenn sie völlig erschöpft ist, erinnert sie sich meiner wieder. Dann hat sie Hunger und Durst, braucht eine Schulter zum Anlehnen, weil der Rücken schmerzt.
Und ich stehe wie immer bereit. Schließlich mag ich ihn ja auch, und sie hat ihm Gutes getan. Davon profitiere ich genauso wie sie. Und wenn ich mich recht liebevoll zeige, vergisst sie mich bis zum Winter nicht ganz. Denn dann kommt meine Zeit, dann bin ich dran. Während er draußen in der Kälte frieren muss, liege ich mit ihr im warmen Bett. Dann ignoriert sie ihn und kümmert sich um mich.
Aus: Peter Würth: „ Kleine Philosophie der Passionen. Gärtnern.“
Liebe Grüße
Isving
Hier eine nette Geschichte!
Die Zeit der Ehemänner
Der Garten ist lange winterfertig. Jetzt ist Zeit, ihn bei einer Tasse Tee aus dem Fenster zu betrachten und das eine oder andere Gartenbuch aus dem Bücherregal zur Hand zu nehmen. Nicht ganz neu, aber eine herrliche Winterlektüre sind die amüsanten Kurzgeschichten zum Thema Gärtnern von Peter Würth. Der Journalist erzählt von den großen Freuden und kleinen Leiden des Gärtnerns. In der Geschichte: „Der Rivale“ finden sich vor allem Ehemänner wieder, deren Ehefrau dem Garten verfallen sind. Der Winter ist die beste Jahreszeit für sie
Der Rivale
Ich liebe meine Frau . Und ich liebe unseren Garten. In dieser Reihenfolge. Eindeutig. Bei meiner Frau bin ich mir da nicht so sicher. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, ist sie müde und abgespannt, braucht Erholung. Das ist mehr als verständlich. Sie schließt dann die Tür auf, ruft mir : „ Hallo Schatz“ zu und geht in den Garten. Kein Kuss, keine Frage, wie es mir geht, nichts. Sie setzt eben Prioritäten.
Wenn bei mir nicht alles in Ordnung wäre, hätte ich sie sicher schon im Büro angerufen. Außerdem bin ich erwachsen und selbstständig. “Ihr“ Garten aber braucht sie.
Er wartet den ganzen Tag auf sie, wartet darauf gewässert, gedüngt, von Unkraut befreit zu werden. Ich kann ja selbst für mich sorgen, einkaufen gehen und mir etwas zu essen machen.
So ein Garten aber ist wie ein kleines Kind. Er braucht seine Nanny, sonst bockt er oder schlägt über die Stränge. Meint sie jedenfalls. Mindestens eine halbe Stunde lang wandelt sie dann durch die Idylle, betrachtet die Rose, bewundert den Rittersporn, strahlt die Hortensie an, flirtet mit ihren geliebten Lilien und macht den von Schnecken bedrohten Lupinen Mut. Und ich überlege, ob ich im nächsten Leben nicht als Kosmee wiedergeboren werde will. Mit welchem Glanz in den Augen sie die Dreimastblume anschaut, wie liebevoll sie die Trollblumen streichelt.
Man könnte direkt eifersüchtig werden. Was heißt könnte. Ich bin eifersüchtig. Und zwar zu Recht. Schließlich habe ich sie zuerst gekannt. Der Garten trat erst später in unser Leben. Und daran habe ich einen nicht unerheblichen Anteil. Ich habe ihn schließlich angelegt, während sie irgendwelche komische meetings hatte. Von mir stammt der letztendlich realisierte Grundriss. Und was ist der dank: meine Frau verliebt sich in ihn. Und noch nicht einmal eine ordentliche menage a trois ist möglich. Sie ist auch noch eifersüchtig, wenn ich etwas anderes mache, als ihm stilldienend Wasser zu geben.
Neulich sah ich auf dem Markt einen wunderschönen Ranukelstrauch , den ich voller Stolz nach Hause schleppte. Sie machte ein Gesicht, als hätte ich das Rosenbeet umgegraben. Es passte ihr einfach nicht in den Kram. Sie fand immer neue Ausreden, warum sie ihn nicht einpflanzen wollte. Die Farbe passte nicht, er würde zu groß werden , sie hätte den letzten zu vergebenen Platz schon anderweitig verplant.... Wir verschenkten ihn schließlich an Freunde. Sie hatte ihren Willen durchgesetzt.
Ich muss inzwischen richtgehend kämpfen, wenn ich von einem der beiden etwas will. Um ihn darf ich mich nicht mehr richtig kümmern und bei ihr spiele ich nur noch die zweite Geige. Ich gebe ja zu , dass er in manchen Dingen leichter zu handhaben ist als ich. Er widerspricht zum Beispiel grundsätzlich nicht, kommt nie zu spät und kriegt keine Wutanfälle. Aber das ist lange noch kein Grund mich zu ignorieren.
Am Wochenende geht es weiter. Nach dem ausgiebigen Samstagsfrühstück mit mir zieht es sie zu ihrem Geliebten. Wenigsten macht sie sich nicht auch noch schön für ihn. Ganz im Gegenteil: die älteste Jeans und T-Shirt sind gerade gut genug. Und angefasst wird er nur mit unförmigen Gartenhandschuhen. Das geschieht ihm ganz recht. Voller Elan stürzt sie sich ins Vergnügen und schon wieder keine Augen für mich. Stundenlang beschäftig sie sich mit ihm. Sie verschönert ihn, kocht Tabaksud für die von Ungeziefer befallenen Rosen, zupft hier und da, pflanzt dort etwas ein, da etwas um. Keine Mühe ist ihr zu groß, keine Gießkanne zu schwer, keine Erde zu schmutzig, kein Dorn zu spitz. Sie verausgabt sich total. Erst wenn sie völlig erschöpft ist, erinnert sie sich meiner wieder. Dann hat sie Hunger und Durst, braucht eine Schulter zum Anlehnen, weil der Rücken schmerzt.
Und ich stehe wie immer bereit. Schließlich mag ich ihn ja auch, und sie hat ihm Gutes getan. Davon profitiere ich genauso wie sie. Und wenn ich mich recht liebevoll zeige, vergisst sie mich bis zum Winter nicht ganz. Denn dann kommt meine Zeit, dann bin ich dran. Während er draußen in der Kälte frieren muss, liege ich mit ihr im warmen Bett. Dann ignoriert sie ihn und kümmert sich um mich.
Aus: Peter Würth: „ Kleine Philosophie der Passionen. Gärtnern.“
Liebe Grüße
Isving
