Der Blauregen, auch unter dem Namen Glyzinie oder Wisteria bekannt, ist eine traditionell beliebte Kletterpflanze, der es binnen weniger Jahre gelingt, ganze Fassaden zu erobern. Die Pflanze sollte jedoch erst nach reiflicher Überlegung gesetzt werden. Zwar handelt es sich bei ihr um ein echtes Glanzlicht im Garten, das allerdings nicht nur pflegeintensiv, sondern auch sehr giftig ist. Familien mit Kindern, aber auch Großeltern mit regelmäßigem Enkelbesuch sollten daher besser auf andere blühende Alternativen zurückgreifen, wenn der Garten neu angelegt wird. Wer schon einen Blauregen im Garten oder unmittelbarer Nachbarschaft hat, muss nicht gleich in Panik verfallen oder die Pflanze entsorgen. Allerdings ist es hilfreich, genau über die verschiedenen Inhaltsstoffe, die bei Kindern, aber auch Erwachsenen, eine Vergiftung auslösen können, Bescheid zu wissen.

Welche Giftstoffe enthält der Samen des Blauregens?

Leider sind alles Teile des Blauregens hochgiftig. Die einzelnen Toxine
unterschieden sich jedoch in ihrer Art, Dosierung und Folgen für den Organismus. Lektin ist ein Bestandteil in allen Hülsenfrüchten. Den Winter über hängen die rund 20 Zentimeter langen Hülsen am Blauregen. Ihre Schalen sind sehr hart und öffnen sich erst, wenn das Thermometer wieder langsam nach oben klettert. Sobald die bohnenähnlichen Samen eine dunkelbraune Farbe angenommen haben und ausgereift sind, benötigt es in der Regel nicht mehr als ein kurzes Antippen mit dem Finger, damit die Hülse sich schlagartig öffnet.

Dabei gibt es einen lauten Knall, der ähnlich wie ein Schuss aus der Pistole klingt. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welch magische Anziehungskraft das auf Kinder hat. Mit der Knallerei hat es sich leider nicht. Denn aus Giftnotrufzentralen wird immer wieder berichtet, dass die Kleinen sich gerne sechs bis sieben der gefährlichen Samen des Blauregens auf einmal in den Mund gesteckt haben.

Welche Wirkungen hat das in den Samen enthaltene Lektin?

In den Samen und Hülsen des Blauregens befindet sich eine hohe Konzentration an Lektin. Bei dem Gift handelt es sich um komplexe Proteine, die in der Lage sind, sich an Zellen und Zellmembrane anzubinden. Werden Lektine verzehrt, kommt es nach Meinung einiger Wissenschaftler dadurch zu einem Verklumpen der roten Blutkörperchen. Nur ein paar Gramm dieses Stoffes können massive Vergiftungserscheinungen auslösen. Bei Kindern reicht es bereits aus, wenn zwei Samen des Blauregens verzehrt werden, bei Erwachsenen kommt es ab drei Samen zu Symptomen, die in der Regel eine bis drei Stunden nach Verzehr auftreten:
  • Magenkrämpfe
  • Durchfall
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Kopfschmerzen
  • Blässe
  • Geweitete Pupillen
Bei Kindern kann der Verzehr der Samen tödlich verlaufen, wenn nicht schnellstmöglich ein Arzt kontaktiert wird.

Wie wirkt das in der Rinde enthaltene Wistarin?

Glauregen - Glyzinie - WisteriaManch einer kommt auf die Idee, die Glyzinie direkt nach der Blüte zurückzuschneiden, damit sich die giftigen Hülsenfrüchte gar nicht erst bilden können. Doch in den Wurzeln und der Rinde befinden sich weitere toxische Substanzen. Wistarin kommt nur im Blauregen vor. Bekannt ist das Gift seit Ende des 19. Jahrhunderts, als es das erste Mal aus der Rinde der Chinesischen Wisterie, einer Blauregenart, isoliert wurde. Laut Wissenschaft soll Wistarin einen leicht herben und bitteren Geschmack aufweisen. Die Forscher sind sich jedoch bis heute nicht einig, welche Symptome das Gift genau hervorrufen kann. Mittlerweile hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass Wistarin ähnlich wie Cystin wirkt, das im Goldregen enthalten ist. Folgende Symptome sind möglich:
  • Anregung des zentralen Nervensystems
  • Lähmungsescheinungen
  • Brennen im Mund- und Rachenraum
  • Übelkeit und lang andauerndes Erbrechen, eventuell mit Blutbeimengung
  • starker Durst
  • Krämpfe
  • Kopfschmerzen
  • Schweißausbrüche und Erregungszustände
  • Zuckungen
  • Delirium
Wenn die Dosis zu hoch war und Anzeichen zu spät erkannt wurden, tritt zunächst eine allgemeine Lähmung auf, die schließlich in eine Atemlähmung in Verbindung mit einem Kreislaufkollaps übergeht. Während Kinder sich gerne die Hülsenfrüchte des Blauregens in den Mund stecken, kommt das bei Wurzel- und Rindenstücken eher selten vor. Der bittere Geschmack wird den Nachwuchs hoffentlich abschrecken, jedoch kann es trotzdem aus Übermut oder Unkenntnis zu einem Verzehr der giftigen Teile kommen. Wahrscheinlicher ist daher der Kontakt mit dem Gift über die Haut.

Wie schädlich sind die im Blauregen enthaltenen Alkaloide?

Die Alkaloide bilden mit über 10.000 Vertretern die zahlenmäßig größte Gruppe unter den Pflanzeninhaltsstoffen. Allen gemein ist, dass sie
giftig sind, Stickstoff enthalten, als Basen eingestuft werden und Stoffwechselendprodukte von Aminosäuren sind. Alkaloide kennzeichnet ferner ein charakteristisch bitterer Geschmack. Die im Blauregen in allen Pflanzenteilen nachweisbaren Alkaloide sind nicht so gefährlich wie Lektin und Wistarin, können bei Kontakt jedoch die Haut extrem reizen und eine Dermatitis sowie andere schmerzhafte Irritationen auslösen.

Alkaloide sollen die Pflanze vor Fressfeinden schützen, gelegentlich wurden Todesfälle von Kleintieren, insbesondere Nagern, beobachtet, die sich an Blauregen zu schaffen gemacht haben. Da Kinder während des Spiels manchmal auf die tollsten Ideen kommen, müssen sie auch unbedingt darauf hingewiesen werden, dass Blauregen auch tödlich für Haustiere sein kann. Wenn Hund oder Katze mit den Giftstoffen "gefüttert" werden, reichen schon geringe Mengen aus, um bei den Tieren Kreislaufkollaps und Herzstillstand hervorzurufen.

Tipp: Der giftige Blauregen ist ungeeignet für den Familiengarten. Statt der Glyzinie ranken Kletterhortensien, Weinrebe und Kletterrosen genauso schön, stellen allerdings in keiner Hinsicht eine Gefahr dar.

Was ist zu tun, wenn das Kind Teile vom Blauregen verzehrt hat?

Blauregen - Glyzinie - WisteriaDer Blauregen ist nicht die einzige giftige Pflanze und es gibt weitaus gefährlichere Exemplare. Wenn ein Kind Teile der Glyzinie zu sich genommen hat, hilft es erst einmal, einen kühlen Kopf zu bewahren. Denn die Wirkung der Giftstoffe steht natürlich immer im Verhältnis zu der Menge, die dem Körper zugeführt wurde. So macht es einen Unterschied, ob ein Samen oder gleich zehn verschluckt wurden. Das ist zu tun, wenn ein Kind Teile von Blauregen verzehrt hat:
  • Gitnotrufzentrale anrufen
  • KEIN Erbrechen beiführen!!!
  • Für reichlich Flüssigkeit sorgen (Wasser ohne Kohlensäure, Saft, Tee) - KEINE Milch geben!!!
  • Kohletabletten geben
  • Verzehrte Pflanzenteile in Erfahrung bringen
Damit es gar nicht erst soweit kommt, sollten Eltern ihr Kind darauf aufmerksam machen, welche Gefahren der Blauregen mit sich bringt und ihm die gefährliche Wirkung der einzelnen Pflanzenteile am besten bei einem kleinen Spaziergang durch den Garten erklären.

Giftnotrufzentralen

Berlin
  • Giftnotruf der Charite / Giftnotruf Berlin
  • giftnotruf.charite.de
  • 0 30-19 24 0
Bonn
  • Informationszentrale gegen Vergiftungen Nordrhein-Westfalen / Giftzentrale Bonn - Zentrum für Kinderheilkunde Universitätsklinikum Bonn
  • www.gizbonn.de
  • 02 28-19 24 0
Erfurt
  • Gemeinsames Giftinformationszentrum (GGIZ Erfurt) der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in Erfurt
  • www.ggiz-erfurt.de
  • 03 61-73 07 30
Freiburg
  • Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg (VIZ) Universitätsklinikum Freiburg
  • www.giftberatung.de
  • 07 61-19 24 0
Göttingen
  • Giftinformationszentrum-Nord der Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein (GIZ-Nord)
  • www.giz-nord.de
  • 05 51-19 24 0
Homburg/Saar
  • Informations- und Behandlungszentrum für Vergiftungen, Universitätsklinikum des Saarlandes und Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes
  • www.uniklinikum-saarland.de/giftzentrale
  • 0 68 41-19 240
Mainz
  • Giftinformationszentrum (GIZ) der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen - Klinische Toxikologie, Universitätsmedizin Mainz
  • www.giftinfo.uni-mainz.de
  • 0 61 31-19 240
München
  • Giftnotruf München - Abteilung für Klinische Toxikologie Klinikum rechts der Isar - Technische Universität München
  • www.toxinfo.med.tum.de
  • 0 89-19 24 0

Giftinformationszentralen Österreich und Schweiz

Wien/Österreich
Zürich/Schweiz
  • Schweizerisches Toxikologisches Informationszentrum
  • www.toxi.ch
  • 145 (schweizweit)
  • +41-44-251 51 51 (aus dem Ausland)