Mein Biogarten

Lieschen M

Lieschen M

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Seit meine Eltern ihren Kleingarten vor der Stadt abgegeben hatten, weil beide berufstätig und mit 800 m² Garten und einer kleinen Laube drauf hoffnungslos überfordert waren, wünschte ich mir wieder ein Stückchen Grün. Es war aussichtslos. Die Wartelisten waren lang und Beziehungen zu irgendwelchen Gartenvereinsvorständen hatte ich nicht. Auch mein GG war nicht begeistert, weil er befürchtete, dass die Arbeit und die Beschaffung der Baustoffe an ihm hängenbliebe.

Doch dann, Ende der 1980er Jahre hatte ich Glück. Eine neue Kleingartenkolonie, so die amtliche Bezeichnung, wurde gegründet. Für 125 siedlungswillige Familien durfte Land parzelliert werden. Das schönste daran, war die Nähe zu einem Fluß und einem See. Da war der Boden, der zur Verfügung gestellt wurde, absolute Nebensache.

Es wurde ein Vorstand gewählt und die Arbeit verteilt. Und weil es sich um eine Kleingartensiedlung handelte, mußten auch alle, die einen Garten pachten wollten, "Stunden leisten". Ich hatte Glück. Offensichtlich machte ich nicht den Eindruck, Schilfwurzeln roden oder Sandboden karren zu können. Ich durfte die Parzellen vermessen und die technischen Zeichnungen anfertigen.

Welchen Garten man erhielt, entschied das Los. Wer Glück hatte, konnte gleich am See einen Garten erhalten. Wem das Glück weniger hold war, zog womöglich einen Garten an der dicht befahrenen Landstraße, die mehrere Orte und Berlin miteinander verband.

Wir hatten ein wenig Glück. Unser Garten war in der dritten Reihe am See. Auch mit dem Boden hatten wir Glück. Vorher war dort ein Feld und nicht Sand oder gar Schilf.

Meine Nachbarn beglückte ich mit der Nachricht, dass ich einen Biogarten anlegen werden, in dem auch Kräuter ihre Berechtigung hätten und ich nicht gedenke, mit Gift gegen Insekten vorzugehen. Auch mit allen anderen Tieren aus der Natur werde ich die Produkte meines Gartens redlich teilen.

Die Meinungen der Nachbarn über mein Vorhaben waren geteilt. Die Teilung bestand aus 80 % Ablehnung und 20 % Skepsis. Schließlich wollten alle anderen die Vorgaben des VKSK (Verband der Kleingärter, Siedler und Kleintiertüchter) 25 kg je m² Ertrag erfüllen. Wie sollte das gehen, wenn die Nachbarn ihr Unkraut nicht bekämpfen? Das zehrt ihren Boden ja völlig aus. Blaukorn war zu der Zeit ohnehin das Mittel der Wahl und gegen alles, was da krabbelt, wurde gesprüht - natürlich ohne Atemschutz.

Noch am Tag der Übergabe pflanzte ich meine ersten 40 Erdbeerpflanzen - Senga Sengana. Als ich das nächste Mal in den Garten kam, war von den Pflänzchen nicht mehr viel zu sehen. Quecke hatte sich ausgebreitet, Disteln waren in die Höhe geschossen.

Aber die Wiese war schön. Es duftete nach Kamille, die ich auch sofort erntete.

Die in der Woche zuvor angesetzte Brennnesseljauche verbreitete ihren Duft, den die Nachbarn wiederum auf den Plan riefen. Ich machte also einen Deckel auf die Jauche, lud die Nachbarn zu einem Becher Kaffee ein und bat um Gutwetter. So recht begeistert waren sie dann trotzdem nicht von meinem "Biogarten".

Rings um meinen Garten wurden schnell Hecken gepflanzt. Mir war das recht. Brauchte ich mich doch nicht um Sichtschutz zu kümmern. Angeblich sollten diese Hecken das Unkraut aus meinem Garten an seiner Ausbreitung hindern.

Leider hinderte es den Holunder und die Weiden meiner Nachbarn nicht, in meinen Garten einzuwandern. Auch die Brombeeren und Himbeeren unterwanderten Zäune und Hecken und siedelten sich bei mir an. Die Weide habe ich im vergangenen Jahr fällen lassen. Sie dominierte zu sehr den Garten und der Vorstand bestand darauf, dass dieser Baum in einem Kleingarten nichts zu suchen habe.

Einen kleinen Knacks erhielt mein Wille zum Biogarten, als ich keine Gartenstühle mehr aufstellen konnte, ich zusehen mußte, wie mein stolzer Rittersporn zu Boden ging, weil Wühlmäuse - die niedlichen, die Schermäuse - meinen Garten unterwandert hatten. Teilen ja - überlassen nicht, war mein Fazit. Einer meiner Nachbarn besaß ein Moped. Ich einen Staubsaugerschlauch. Also wurde das Moped in den Garten geschoben. Der Auspuff mit dem Staubsaugerschlauch verbunden und in einen Wühlmausgang geschoben. Überall im Garten stiegen kleine Rauchwölkchen aus dem Boden. Danach konnte ich überall Stühle hinstellen, ohne einzubrechen. Auch die inzwischen gepflanzten Obstbäume schienen es zu danken. Außer der Birnbaum, der bekam Rost.

Unkraut bekämpfte ich durch herausreissen. Hatte ich doch gehört, dass Quecke, benutzt man eine Hacke, sich schneller vermehrt als man es heraushacken kann. Gänsedisteln begann ich zu hassen. Hatte ich drei herausgerissen, wuchsen 6 nach. Nur meine Kamille wurde weniger, obwohl ich nicht eine herausgerissen hatte - nur gepflückt.

Sollte so mein Biogarten aussehen? Quecke und Disteln? Brombeeren und Holunder als Zufallsaussaaten? Von Gift hielt ich immer noch nicht viel. Nein, Gift, so befand ich, kommt nicht in meinen Garten! Ich forschte in der Literatur. Auch die Betriebsbibliothek hatte kein Buch zum Thema. Marx, Engels und die vielen russischen Heldenschriftsteller halfen auch nicht weiter.

Der Zufall half. Eine Kusine aus dem Westen besuchte uns. Sie erzählte mir von Marie Luise Kreuters Buch, der Biogarten. Ich war begeistert. Das Buch passierte den strengen DDR-Zoll.

Na, nun stand doch der fachlich angeleiteten Pflege meines Gartens nichts mehr im Wege. Noch heute kommt in meinen Garten kein Gift. Viel gedüngt wird immer noch nicht. An die Brennnesseljauche haben sich meine Nachbarn (es sind inzwischen zum 3. Mal Neupächter) gewöhnt. Die Früchte des Gartens teile ich immer noch redlich mit allen Tieren, die meinen Garten besuchen. Im Winter mit den Rehen und Wildschweinen, die ihn nach Zwiebeln von Tulpen und noch genießbaren Wurzeln durchwühlen.

Trotzdem frage ich mich immer noch, ob das nun ein Biogarten ist.
 
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