Zinnkraut, Equisetum arvense bekämpfen vs. Heilkraut

Zinnkraut wirft dem Hobbygärtner den floralen Fehdehandschuh hin, wie kaum eine zweite Pflanze. Wo sich das Schachtelhalmgewächs im Garten ansiedelt, ist es kaum mehr zu vertreiben. Im Kontrast dazu verfügt Equisetum arvense über eine Fülle wertvoller Inhaltsstoffe, die seit dem Altertum zur Linderung und Heilung zahlreicher gesundheitlicher Beschwerden herangezogen werden. Nicht zuletzt kuriert Acker-Zinnkraut an Zier- und Nutzpflanzen auf natürliche Weise unzählige gefürchtete Pflanzenkrankheiten. Sind Sie unschlüssig, ob Sie Zinnkraut bekämpfen oder als Heilkraut kultivieren sollten? Dann folgen Sie hier unserem Versuch einer objektiven Entscheidungsfindung.

Bekämpfung

Es ist der ungezügelte Ausbreitungsdrang

von Zinnkraut, der für den Ruf als gefürchtetes Unkraut verantwortlich ist. Im Laufe einer Evolution von nahezu 400 Millionen Jahren entwickelte die Pflanze eine höchst effiziente Überlebensstrategie, die eine restlose Beseitigung aus dem Garten ungemein schwierig gestaltet. Basierend auf einer vegetativen und generativen Vermehrungsstrategie, macht sich Equisetum arvense jedes Areal Untertan, solange dort noch einige Sonnenstrahlen hingelangen für die Betreibung von Photosynthese. Botanisch verwandt mit Farngewächsen, bringt Acker-Zinnkraut zwischen März und Mai eine erste Generation an Trieben hervor, die mit bräunlichen Sporen besetzt sind. Im Anschluss an deren Ausstäubung, erscheint die zweite Generation sommergrüner Haupttriebe, die benachbarten Zier- und Nutzpflanzen erhebliche Konkurrenz bereiten. Parallel dazu treiben kräftige Rhizome horizontal und vertikal im Erdreich vor, denen mit normalem Unkrautjäten nicht beizukommen ist. Aufgrund einer vitalen Wuchskraft vermag die Pflanze selbst aus winzigen Rhizomsegmenten erneut auszutreiben. Völlig aussichtslos ist eine Bekämpfung dennoch nicht. Die folgenden Vorgehensweisen haben sich im Haus- und Kleingarten bewährt, um Acker-Schachtelhalm zumindest ansatzweise unter Kontrolle zu halten:
  • Im frühen Stadium punktuell bekämpfen mit kochendem Wasser, Salz und Essig (nicht auf versiegelten Flächen)
  • Konsequent die Sporen-tragenden Triebe entfernen, um die Ausstäubung zu verhindern
  • Wo verträglich, den Boden kalken, um den pH-Wert in den für Zinnkraut ungünstigen alkalischen Bereich zu heben
  • Rigolen, indem das Beet 2 Spaten tief umgegraben und der Aushub mittels Durchwurfsieb gereinigt wird.
  • Die Rahmenbedingungen im Beet ändern durch Düngen, Kalken, Mulchen und Beseitigen von Staunässe
  • Das befallene Areal für 6-12 Monate abdecken mit lichtundurchlässiger Unkrautfolie
Wer Ausschau hält nach einem wirksamen Herbizid, wird bislang enttäuscht. Zinnkraut hat im Rennen mit der chemischen Industrie nach wie vor die Nase vorn, denn ein explizites Bekämpfungsmittel gegen Equisetum arvense konnte noch nicht entwickelt werden. Da es sich um ein zweikeimblättriges Unkraut handelt - vergleichbar mit Giersch -, empfehlen Hersteller, wie Neudorff oder Compo die Verwendung der Spezial-Unkrautvernichter 'Giersch-frei' respektive 'Vorox Gierschfrei'.

Tipp: Um Zinnkraut im Rasen zu bekämpfen, leistet bereits regelmäßiges Rasenmähen einen wertvollen Beitrag. Auf Dauer wird die Pflanze so geschwächt, dass es ihr an Wuchskraft mangelt. Zusätzliches Vertikutieren und Kalken im Frühjahr verstärkt den Effekt.

Respektables Heilkraut

Bevor wir uns an die nervenaufreibende, kräftezehrende und langwierige Bekämpfung von Zinnkraut begeben, richten wir den Blick auf die besonderen Vorzüge dieser prähistorischen Pflanze. Seinen Namen verdankt das Schachtelhalmgewächs der Verwendung zur Reinigung von Zinn im Mittelalter. Zum Unkraut wurde Equisetum arvense einzig per Definition geplagter Landwirte und Hobbygärtner, die sich mit der imensen Wuchskraft auseinandersetzen müssen. Tatsächlich verneigten sich berühmte Heilkundler, wie Plinius der Ältere oder Sebastian Kneipp vor der überzeugenden Heilwirkung. Es ist die besondere Zusammensetzung der Inhaltsstoffe, die Ackerschachtelhalm medizinisch interessant macht. In seiner besonderen Kombination aus Kieselsäure, Mineralstoffen, ätherischen Ölen, Saponinen und weiteren Komponenten, entfaltet sich eine blutstillende, adstringierende und schleimlösende Wirkung. Die Rede ist dabei ausschließlich von

den unfruchtbaren, grünen Trieben, die in zweiter Generation ab Mai gedeihen. Diese befinden sich im Zenit ihrer Wirksamkeit, wenn sie zwischen Mai und Juli geerntet werden. Der folgende Überblick zeigt die herausragenden, in der Praxis bewährten Anwendungsmöglichkeiten von Acker-Zinnkraut auf:
  • Arthrose
  • Blasenentzündungen
  • Durchblutungsstörungen
  • Entzündungen im Mund- und Rachenraum
  • Erkältungserscheinungen mit Husten
  • Gicht und Rheuma
  • Juckreiz
  • Nierenentzündungen
  • Wundheilung
Überwiegend entfaltet Ackerschachtelhalm seine Heilkraft als Tee. Die Zubereitung erfordert indes ein wenig mehr Aufwand, als bei
gängigen Kräutertees üblich. Ein Teelöffel getrocknetes Zinnkraut wird in 300 ml Wasser für 20 Minuten gekocht. Erst im Rahmen dieser langen Kochzeit lösen sich die wertvolle Kieselsäure und anderen Mineralien tatsächlich auf. Das dabei verdampfte Wasser wird anschließend ergänzt. Um schmerzhafte Gicht und Rheuma zu lindern, werden Mullbinden mit dem abgekühlten Tee getränkt und aufgelegt. Will eine Wunde einfach nicht heilen, sorgen wiederholte Auflagen mit Katzenwedel für Abhilfe. Sportler verwenden Kompressen mit Zinnkrauttee, um strapazierte Sehnen und Muskeln zu stärken.

Hinweis: Zinnkraut sollte nicht in größeren Mengen oder über längere Zeit in Eigenmedikation angewendet werden, ohne zuvor den Arzt zu befragen. Bei eingeschränkter Nieren- und Herztätigkeit nicht anwenden.

Auch wer sich bester Gesundheit erfreut, profitiert von den förderlichen Attributen des Heilkrauts. Geben Sie 3 Teelöffel getrocknetes Zinnkraut auf 1 Liter Badewasser, stärkt dies auf Dauer das Bindegewebe und lindert unschöne Cellulite. Im gleichen Zug wird die Durchblutung angeregt, Krampfadern reduzieren sich und Prostata- oder Blasenleiden werden gelindert.

Tipp: Beim Sammeln von Zinnkraut beachten Sie bitte die Verwechslungsgefahr mit giftigen Schachtelhalmgewächsen. Im Gegensatz zu Zinnkraut tragen giftige Arten an ihren grünen Trieben endständige bräunliche Sporenähren.

Natürliches Pflanzenschutzmittel

Im naturnah bewirtschafteten Hobbygarten hat sich Zinnkraut einen guten Ruf erarbeitet in der Stärkung von Zier- und Nutzpflanzen sowie der natürlichen Bekämpfung weit verbreiteter und gefürchteter Pflanzenkrankheiten. Bevor Sie Equisetum arvense aus dem Garten vertreiben, sollte zumindest bekannt sein, auf welch effektiven Mitstreiter Sie dabei verzichten. So stärkt der hohe Gehalt an Kieselsäure die Zellstruktur. Saponine, ätherische Öle, Flavonoide und andere Inhaltsstoffe kurieren Pilzinfektionen oder halten gefräßige Schädlinge fern. In folgenden Bereichen hat sich Acker-Zinnkraut nachweislich als wirksam herausgestellt:
  • Im Frühling auf die Knospen von Beerenobst sprühen, zur Abwehr von Krankheiten
  • Saatkartoffeln für 15 Minuten in Zinnkraut-Brühe tauchen zur Vorbeugung gegen Kraut- und Braunfäule
  • Gegen Echten Mehltau wiederholt auf befallene Pflanzen sprühen, bis der weiße Belag verschwindet
  • Wiederholte Spritzungen wehren Monilia, Sternrusstau, Salatfäule und Blattfleckenkrankheiten ab
  • Unter Zugabe von 15 ml reiner Schmierseife auf 1 l Brühe, wirkt die Lösung repellent auf Blattläuse und Spinnmilben
Erfahrene Biogärtner haben stets einen Kessel mit Zinnkraut-Sud griffbereit. Die gehaltvolle Brühe kommt im ökologisch orientierten Garten nicht erst zum Einsatz, wenn der Ernstfall einer Pflanzenkrankheit auftritt. Vermischt mit Brennnesseljauche, wird der Sud während der gesamten Saison wöchentlich auf dem Boden versprüht zur natürlichen Stärkung. Kohlsorten kommen vor dem Pflanzen in Ackerschachtelhalmbrühe, um listiger Kohlhernie den Wind aus den Segeln zu nehmen. Vermischt mit Lehm, ergibt Zinnkrautsud einen praktischen Stammanstrich, der Schädlinge von Obstbäumen fernhält. Vom zeitigen Frühjahr bis zum Herbst wird das Gemüsebeet ein Mal wöchentlich am frühen Morgen mit einem Mix aus 1/3 Rainfarntee und 2/3 Acker-Zinnkraut-Sud überbraust. An Topfblumen auf dem Balkon vollbringt das Heilkraut ebenfalls sein hilfreiches Werk. Hier wenden Sie den Tee verdünnt an im Verhältnis 1:10 und wappnen Ihre Blütenschönheiten gegen Ungemach mit wöchentlichen Spritzungen.

Zubereitet wird Ackerschachtelhalmbrühe aus 1.000 Gramm frischen Trieben der zweiten Generation, die zwischen Mai und Juli gesammelt werden und 10 Litern Wasser. Nachdem die Zweige für 24 Stunden einweichten, kochen Sie die Mischung auf, um sie anschließend für 60 bis 120 Minuten auf kleiner Flamme weiter zu köcheln. Zugedeckt abkühlen lassen, abseihen und - je nach Verwendungszweck - pur oder verdünnt ausbringen.

Eine intensivere Wirkung erzielen Sie mit Zinnkrautjauche. Hierzu nehmen Sie 2 Bund frische Halme zur Hand und legen diese in einen mit Regenwasser gefüllten Eimer. Aufgestellt am sonnigen, warmen Platz und bedeckt mit Kaninchendraht oder einem Rost, nimmt die Gärung 2-3 Wochen in Anspruch. Während dieser Zeit rühren Sie die Jauche alle 1-2 Tage um. Der unangenehme Geruch wird gelindert durch die Zugabe von Bentonit oder Gesteinsmehl. Schäumen ist während dieses Prozesses erwünscht und signalisiert einen erfolgreichen Verlauf. Am Ende seihen Sie die Jauche ab und bewahren sie zugedeckt am halbschattigen Standort auf.

Fazit

Auf die Frage nach dem richtigen Umgang mit Zinnkraut gibt es keine Patentlösung. Vielmehr bleibt das Verhältnis zu dem Schachtelhalmgewächs für Hobbygärtner zwiespältig. Eine rigorose Bekämpfung kostet Nerven, Zeit und Muskelkraft. Acker-Zinnkraut im Garten freie Hand zu lassen, macht ebenfalls keinen Sinn. In Anbetracht der zahlreichen Vorzüge von Equisetum arvense als Heilkraut sowie natürliches Stärkungsmittel, Fungizid und Insektizid, erscheint der Goldene Mittelweg als die gangbarste Lösung. Eine friedliche Kooperation dient dem Vorteil beider Seiten. Gemeint ist eine Eindämmung der Ausbreitung auf ein erträgliches Ausmaß mithilfe der hier genannten Vorgehensweisen. Im gleichen Zug werden die positiven Seiten von Equisetum arvense für das eigene Wohlbefinden und die Gesunderhaltung von Kulturpflanzen genutzt.