Die sortenreine Vermehrung von Obstbäumen stellt für den Hausgärtner eine anspruchsvolle Herausforderung dar. Ein Fundus an gärtnerischer Erfahrung ist von Vorteil, damit die Veredelung gelingt. Diese Anleitung geleitet Sie Schritt für Schritt durch den gesamten Prozess einer fachmännischen Kopulation. Am Ende sind Ihnen alle wichtigen Aspekte geläufig vom richtigen Zeitpunkt, über den idealen Edelreis bis zur perfekten Schnittführung und Nachbehandlung. So pfropfen Sie einen Obstbaum mit Geschick und Erfolg.

Kurzbeschreibung

Die Aussaat von Apfel- oder Kirsch-Samen bringt nur selten einen sortenechten Obstbaum hervor. Aus diesem Grunde praktizieren Obstgärtner seit Generationen die ungeschlechtliche Vermehrung über den Weg der Veredelung. Pfropfen hat sich dabei als die einfachste Methode herauskristallisiert. Konkret findet eine Verbindung statt zwischen einem Edelreis und einer Veredelungsunterlage.

Als Veredelungsunterlage fungiert der
Sämling einer nachweislich wuchskräftigen, resistenten Apfel- oder Kirschsorte. Darauf wird ein einjähriger, gesunder Trieb als Edelreis gepfropft. In der Folgezeit gedeihen daraus der Stamm und die Krone, um die schmackhaften Früchte zu liefern.

Für einen erfolgreichen Verlauf der Veredelung gilt als wichtigste Prämisse: Edelreis und Unterlagen müssen der gleichen Pflanzenart entstammen. Daher können Sie einzig einen Apfelreis auf einen Apfelsämling pfropfen. In sehr seltenen Fällen ist die Verbindung eng verwandter Gehölze von Erfolg gekrönt. So können Sie Edelreiser einer Birnensorte auf einer Quittenunterlage veredeln.

Werkzeuge und Materialien

Die fachgerechte Veredelung von Apfel-, Kirsch- oder anderen Obstbäumen erfordert spezielles Werkzeug. Die folgende Ausrüstung sollte griffbereit sein, wenn Sie einen Obstbaum richtig pfropfen:
  • Pfropfmesser
  • Ast- oder Baumschere
  • Abziehstein
  • kaltflüssiges Baumwachs
  • Bast
  • Veredelungsbänder
  • Spachtel
  • Handschuhe
  • Spiritus oder Alkohol zum Desinfizieren
  • Unterlage
Apfel - MalusDie passende Unterlage für den Edelreis können Sie selbst als Sämling heranziehen. Schneller geht es, wenn Sie eine Obstbaum-Unterlage fix und fertig in der Baumschule Ihres Vertrauens erwerben. Um beispielsweise Ihren besten Apfelbaum durch Veredelung zu vermehren, steht ein breit gefächertes Spektrum geeigneter Unterlagen zur Auswahl bereit. Die Apfelunterlage A 2 gilt als zuverlässig frosthart und stark wüchsig, sodass sie gerne für Hoch- und Halbstämme verwendet wird. Mittelstark wachsende Unterlagen, wie M 4 oder M 7, eignen sich ausgezeichnet für die Kultivierung von Buschobst auf leichten bis mittelschweren Böden. Die schwach wachsende Apfelunterlage M 9 ist zwar pflegeintensiv und weniger standfest. Dieses Manko gleich sie aus mit einem extra frühen Beginn der Ertragsphase.

Tipp: Penible Sauberkeit zählt zu den wesentlichen Kriterien für eine fachmännische Veredelung von Obstbäumen. Desinfizieren Sie daher alle Werkzeuge sorgfältig. Fernerhin sollten die Schnittflächen nicht mit den Händen in Kontakt kommen.

Der beste Zeitpunkt

Zwei Termine stehen im Fokus, um einen Obstbaum über den Weg der Kopulation richtig zu veredeln. Den Edelreis schneiden Sie idealerweise während der Saftruhe zwischen Dezember und Januar. Wichtig zu beachten ist eine weitgehend frostfreie Witterung mit Temperaturen nicht unter - 4 Grad Celsius. Darüber hinaus sollte das Holz nicht vollständig durchnässt sein.

Um einen Edelreiser fachgerecht auf seine Unterlage zu pfropfen, hat sich im Hausgarten ein Tag im März oder April als besonders aussichtsreich herauskristallisiert. Die beginnende Vegetationsperiode fördert eine zügige Verwurzelung der Unterlage mit dem darauf gepfropften Edelreis.

Edelreiser auswählen und schneiden

Ein Obstzweig ist prädestiniert zum Edelreis, wenn er bleistiftdick und nicht älter als ein Jahr ist. Darüber hinaus sollte der Trieb gesund sein, ohne jegliche Anzeichen von Krankheiten oder Schädlingen. Die besten Exemplare mit diesen Eigenschaften sind zumeist im oberen Kronenbereich zu entdecken. Nicht der gesamte Zweig wird später auf die Unterlage gepfropft, sondern sein vitaler Mittelbereich. Schneiden Sie daher ein Mittelstück heraus mit 3 bis 4 Augen, die gut erkennbar sind und eng nebeneinander stehen. Um die Wartezeit bis zur Veredelung zu überbrücken, schlagen Sie den Trieb ein in feuchten Sand. Am kühlen, dunklen Standort bleibt der Edelreis bis zur Kopulation frisch.

Tipp: Um einen betagten Apfelbaum mittels Veredelung zu vermehren, nehmen Sie einen Zwischenschritt vor. Damit der altgediente Obstbaum einen
vitalen Edelreiser hervorbringt, verjüngen Sie im Jahr zuvor einige gesunde Äste durch einen kräftigen Rückschnitt. Daraufhin treibt der Apfelbaum durch und beschert Ihnen eine Auswahl geeigneter Edelreiser.

Anleitung Kopulationsschnitt - so pfropfen Sie richtig

Obstbaum veredeln durch PfropfenStehen am gewählten Termin Werkzeuge, Materialien und Unterlage bereit, befreien Sie den Edelreis aus seinem sandigen Quartier. Noch anhaftende Sandkörner spülen Sie bitte mit klarem Wasser ab. Rechtshänder umfassen den Reis fest mit der linken Hand. Drücken Sie den Daumen gegen den Trieb, um ihn zu stabilisieren. Das Pfropfmesser nehmen Sie in die rechte Hand und drücken den Daumen gegen das Messerheft. Mit einem weichziehenden, senkrechten, schrägen Schnitt entfernen Sie etwa 3 bis 6 cm der Rinde gegenüber einer Knospe. Achten Sie bitte darauf, dass diese Knospe möglichst präzise der Schnittflächenmitte gegenüber liegt. Die Unterlage schneiden Sie zunächst auf die gewünschte Höhe zurück. Führen Sie nunmehr hier ebenfalls den erläuterten Kopulationsschnitt durch. Wiederum sollte sich ein Auge mittig gegenüber der Schnittfläche befinden. So pfropfen Sie den Edelreiser auf die Unterlage:
  • Die Schnittflächen von Edelreis und Unterlage passgenau gegeneinander drücken
  • Die Schnittflächen nicht mit den Händen berühren
  • Mit Bastband beide Teile verbinden
  • Anschließend mit Baumwachs luftdicht verstreichen
  • Am Edelreis an der Spitze lediglich die Wundränder mit Wachs bestreichen
Den fertig gepfropften Obstbaum pflanzen Sie an einen geschützten, sonnigen Standort. Denken Sie bitte an regelmäßiges Gießen, damit die Unterlage zügig im Erdreich verwurzelt.

Tipp: Üben Sie die Schnittführung wiederholt an Weidenruten. Selbst professionelle Veredelungs-Spezialisten schneiden sich im Vorfeld an weniger wertvollen Ästen ein, bevor sie sich an den Kopulationsschnitt von Edelreis und Unterlage begeben.

Edelreis und Unterlage ungleich dick - was tun?

Da sich die Natur nur selten an Idealmaße hält, können Edelreis und Unterlage von unterschiedlichem Durchmesser sein. Die erläuterte Schnittführung erzeugt in diesem Fall keine gleich großen Kopulationsflächen, die Sie passgenau pfropfen können. Für diesen Sonderfall steht Ihnen als Alternative die Geißfuß-Veredelung zur Verfügung. Diese Technik ermöglicht, einen bleistiftdicken Edelreiser auf eine 2 bis 10 cm dicke Unterlage zu pfropfen. So gelingt es:
  • Bester Zeitpunkt ist ein frostfreier Tag zwischen Februar und April
  • Die Unterlage auf die gewünschte Höhe zuschneiden
  • Die Messerschneide in leichter Schräghaltung in ganzer Länge ins Holz drücken
  • Die Klinge herausziehen und erneut so in die Unterlage drücken, das ein Keil entsteht
  • Am Edelreis einen passgenauen Gegenkeil zuschneiden und in die Kerbe schieben
Obstbaum veredeln - richtig pfropfenVersiegeln Sie die Veredelungsstelle erst dann mit Bast und Baumwachs, wenn Sie sichergestellt haben, dass die dunklen Kambiumstellen von Reis und Unterlage genau übereinander liegen. Gegebenenfalls muss der Edelreis etwas tiefer in die Kerbe gesteckt werden, wenn eine zu dicke Rinde der Unterlage keine bündige Verbindung zulässt.

Nachbehandlung

Im Anschluss an die Veredelung kontrollieren Sie bitte regelmäßig den Wundverschluss. Starker Saftdruck kann Risse verursachen, die nochmals mit Baumwachs verstrichen werden. Sollte im Verlauf des Sommers das Bindematerial erkennbar die Rinde einschnüren, schneiden Sie es mit einem Messer auf. Treiben Wasserschosser aus der Unterlage aus, entfernen Sie die Konkurrenztriebe bitte mit einem beherzten Ruck von der Wurzel. Treibt hingegen der Edelreis frisch aus, haben Sie Ihren Obstbaum richtig gepfropft und fachmännisch veredelt.

Fazit
Die sortenreine Vermehrung Ihrer Obstbäume führen Sie mithilfe dieser Anleitung in Zukunft selbst durch. Einfach und erfolgversprechend gelingt es, indem Sie ein bleistiftdicken Edelreis mit 3 bis 4 Augen auf eine ebenso dicke Unterlage pfropfen. Im Spätwinter und zeitigen Frühjahr können Sie sich in aller Ruhe der uralten Veredelungs-Technik widmen. Am Edelreis und an der Unterlage führen Sie einen senkrechten Kopulationsschnitt durch, damit beide Schnitte passgenau mit Bast und Baumwachs verbunden werden. Ausgepflanzt am geschützten, sonnigen Standort waren Ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt, wenn aus den Augen frische Triebe sprießen. Weisen Edelreis und Unterlage unterschiedliche Durchmesser aus, bedienen Sie sich der Geißfuß-Veredelung.