Brennnesseljauche BrennnesselsudPflanzenjauchen sind heute ein Thema für fast jeden Gärtner – auch und gerade für hoffnungsfrohe Junggärtner, die sich geschworen haben, alles Leben in ihrem Garten zu fördern und keine schädliche Chemie zu nutzen. Bloß bis die erste Jauche dann tatsächlich angesetzt wird, vergeht nicht nur beim Stadtgärtner einige Zeit der zögerlichen Annäherung … mal ehrlich, wer will schon im Garten mit Jauche rumspritzen? Nachfolgend wird gründlich erklärt und geklärt, warum Sie "mit Jauche rumspritzen wollen sollten", besonders mit Brennnesseljauche; nach einem Blick darauf, was Jauche eigentlich ist:

Jauche - Pflanzenjauche - Brennnesseljauche

Fangen wir mit der Jauche an: Die Menschen, die mit dem Begriff überhaupt etwas anfangen können, denken an Odl oder Puddel, Sudel oder Bschütti, Gülle oder Stinkebrühe … Scherz beiseite, das Zeug ist genauso unappetitlich, wie die gerade genannten Regionalbezeichnungen es andeuten: In Auffangbecken namens Jauchegrube gesammelte flüssige Exkremente (Details wegen hohem Ekel-Faktor gestrichen), die per Saugrohr in Jauchefässer abgepumpt und als Dünger auf Äcker/Wiesen verteilt werden. Wo die Gülle in zunehmendem Maße dabei ist, die Nitrat-Grenzwerte im Grundwasser in Bereiche zu befördern, mit denen Leitungswasser
von "Deutschland sauberstem Lebensmittel" zur Gesundheitsgefahr wird (auch ein kleiner Nebeneffekt der Massentierhaltung, von dem Viel-Fleisch-Esser meist nichts hören möchten).

Die stinkende, braune Flüssigkeit müffelt ein bisschen weniger und ist vor allem wesentlich ungefährlicher für die Umwelt und den Menschen, wenn sie nicht aus Exkrementen, sondern aus Pflanzenresten hergestellt wird. Diese Pflanzenjauche ist für unsere Nordländer die einzige Jauche, jeder stinkende Kram von lebenden Wesen wird dort Gülle genannt (und wie in Bayern lieber zu Biogas verarbeitet). Eine Pflanzenjauche entsteht, indem Pflanzenmaterial mit Wasser vermischt wird und zum Gären stehengelassen wird, bis sich das Pflanzenmaterial zersetzt hat und die Brühe nicht mehr schäumt.

BrennnesselSie kann aus allen möglichen Pflanzen angesetzt werden; da es um Inhalt und nicht um Schönheit geht, vor allem aus den Kräutern, die von manchen Gärtnern ohnehin als Un-Kräuter bekämpft werden. Inhaltlich haben Schachtelhalm und Giersch, Löwenzahn und Knoblauch, Zwiebellauch und Kamille etc. viel zu bieten – Pflanzenjauchen nehmen einen wichtigen Platz innerhalb eines Versorgungskonzepts ein, das die Pflanzen im Garten nicht schnell und einseitig, sondern nachhaltig und ökologisch ernährt:
  • Sinnvolle, nachhaltige Düngung hat das Ziel, die Fruchtbarkeit des Gartenbodens zu mehren
  • Es wird also nicht zuerst gefragt, welche Nährstoffe welche Pflanze gerade benötigt, sondern was der gesunde Gartenboden braucht
  • Mineralische Dünger wurden von der chemischen Industrie in Hungerzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt
  • Um der Bevölkerung schnell gesunde Nahrung zur Verfügung stellen zu können, wurden die Pflanzennährstoffe in wasserlösliche Form gebracht
  • So können sie direkt von den Pflanzenwurzeln aufgenommen werden und sehr schnell wirken
  • Ein Konzept, das nur in Mangelsituationen sinnvoll anwendbar ist, die aber heute nicht mehr vorliegen
  • Heute werden die Dünger mit Blitzwirkung meist überdosiert, was weder den Pflanzen noch dem Gartenboden Vorteile bringt
  • Im Gegenteil, Stickstoff im Übermaß erzeugt weiches, wasserreiches Gewebe und Pflanzen, die anfällig für Schädlinge und Krankheiten sind
  • Von den Pflanzen nicht genutzte Wirkstoffe, vor allem das leicht lösliche Nitrat, werden auch hier  vom Boden ins Grundwasser ausgewaschen
  • Organische Dünger wirken anders, sanfter, weil sie von Bodenorganismen verarbeitet werden und den Pflanzen abrufbar zur Verfügung gestellt werden
  • Nach einer Bodenuntersuchung, die den Status feststellt (sollte alle paar Jahre wiederholt werden), wird der Boden je nach Ergebnis und Situation versorgt
  • Entweder wird Gründüngung eingesät, die den Boden schützt, lockert und überschüssige Nährstoffe speichert, die später pflanzennutzbar gemacht werden können
  • Oder der Gartenboden wird über organische Dünger mit einer harmonischen Mischung der Hauptnährstoffe versorgt
  • Der beste organische Dünger ist Kompost
  • Die nächst effektiven Dünger sind Guano, frischer und getrockneter Tiermist, Hornspäne, Blut- und Knochenmehl
  • Pflanzenjauchen enthalten Stickstoff, Phosphor, Kali und Minerale und sind damit zum Düngen geeignet
  • Bei stark zehrenden Pflanzen aber eher zur Unterstützung der Haupt-Nährstoffgaben
  • Fast jedes Kraut hat als Zusatztalent noch ein paar Wirkstoffe gegen bekannte Garten-Lästlinge wie Blattläuse und Co. zu bieten
  • Pflanzenjauchen sind außerdem wichtige Pflanzenstärkungsmittel, die die Widerstandsfähigkeit der Pflanze gegenüber Schadorganismen erhöhen
  • Das tun sie, indem sie die pflanzeneigenen Abwehrkräfte anregen, schädlingsabschreckende Gerüche erzeugen oder die Pflanzenzellen derart festigen, dass Schädlinge "sich die Zähne ausbeißen"

Tipp: Den Pflanzen, die in einem mit wenigen Arten bepflanzten, durchgeplanten Garten ohne Unkräuter nur mit Düngern aus der Fertigpackung oder Flasche versorgt werden, passiert das gleiche wie den Menschen, die nicht mehr kochen, sondern nur noch fertiges oder fertig vorbereitetes Essen zu sich nehmen: Die Vielfalt geht verloren, und damit auch die Fähigkeit des Stoffwechsels, auf neue Stoffe oder Mikroorganismen zu reagieren, und damit irgendwann auch oft die Gesundheit.

Die Brennnesseljauche ist für viele Naturgärtner die "Mutter der Pflanzenjauchen", die sich deshalb auch am besten eignet, um die Herstellung einer Pflanzenjauche zu erläutern:

Brennnesseljauche herstellen

BrennnesseljaucheZum Ansetzen von Pflanzenjauchen werden am besten frische Pflanzen eingesetzt, aber auch getrocknete Krauter entfalten noch Wirkung. So wird die Brennnesseljauche angesetzt:
  • Geeignetes Gefäß am geeigneten Ort bereitstellen
  • Geeignete Gefäße sind z. B. Eimer aus Kunststoff, für größere Mengen eignen sich die zum Auffangen von Regenwasser verkauften Fässer sehr gut
  • Fässer aus Holz oder Steingut eignen sich auch, aber es sollten kräftige Menschen zum Transport zur Verfügung stehen
  • Tonnen aus irgendwelchen Blech-, Metall-, Alu-Legierungen sollten möglichst nicht verwendet werden, da sie chemisch mit dem Sud reagieren können bzw. die Reaktionen im Sud stören können
  • Geeignete
    Orte liegen nicht zu nah am Haus oder am Gartensitzplatz, weil die Jauche bei der Gärung ziemlich lebendig wird und dabei nicht besonders angenehme Gerüche entwickelt
  • Der Gärbehälter sollte aber auch nicht in der letzten Ecke des Gartens verschwinden, weil die Jauche dann meist nicht mehr täglich umgerührt wird
  • Pro 10 l Wasser werden 1 kg frische oder 150-200 g getrocknete Brennnesseln gebraucht
  • Genutzt werden die kompletten Pflanzen ohne Wurzeln
  • Frische Brennnesseln sollten am besten noch keine Samen tragen, die trotz Gärung im Boden keimen könnten
  • Je eher die Brennnesseljauche fertig sein soll, desto feiner sollten die Brennnesseln zerkleinert werden
  • Die schnellste Jauche entsteht aus Brennnesseln, die vorher mit ein wenig Flüssigkeit im Mixer geschreddert wurden
  • Die Kräuter kommen ins Gärgefäß und werden mit der gewünschten Wassermenge aufgegossen
  • Am besten eignen sich Regenwasser oder abgestandenes Wasser aus der Regentonne zum Ansetzen
  • Das Gärgefäß sollte nicht bis zum oberen Rand gefüllt werden, da der bei der Vergärung entstehende Schaum nach oben steigt
  • Nachdem die Krauter im kalten Wasser angesetzt wurden, einmal gut umrühren
  • Gärgefäß abdecken, damit keine durstigen Vögel oder andere Kleintiere in die Tonne fallen
  • Von da ab einmal täglich umrühren
  • Wenn dabei jeweils eine Handvoll Steinmehl und ein paar Tropfen Baldrianextrakt unterrührt werden, bindet das den unangenehmen Geruch ein wenig
  • Es dauert etwa 10 Tage bis zwei Wochen, bis der Gärprozess abgeschlossen ist
  • Je sonniger das Gefäß steht, desto schneller geht es
  • Zu erkennen ist die vollzogene Gärung daran, dass die Jauche nicht mehr schäumt

Brennnesseljauche einsetzen

Über den Einsatz der Brennnesseljauche gibt es seit langer Zeit Erfahrungswerte, was Ihnen ein ganzes Areal von Einsatzzwecken an die Hand gibt:

Fertig vergorene Brennnesseljauche

  • Unverdünnt lässt sich vergorene Brennnesseljauche als Bioaktivator zur Förderung der Verrottung einsetzen, in dem sie über dem Komposthaufen vergossen wird
  • In 10facher Verdünnung kann sie ganzjährig zur Wachstumsförderung auf dem Gartenboden ausgebracht werden, wo immer sichtbarer Bedarf besteht
  • In 20facher Verdünnung fördert die vergorene Brennnesseljauche das Wachstum von Setzlingen
  • Außerdem hilft ein Wurzelbad in 20fach verdünnter Brennnesseljauche gegen Krautfäule an Kartoffeln und anderen Nachtschattengewächsen
Brennnesseljauche gährtDie "allgemeine Jauchedüngung" in 10facher Verdünnung hilft Pflanzen, die ein wenig unlustig wirken, wieder in bessere Wachstumslaune zu kommen. Sie kann außerdem auf Pflanzen ausgebracht werden, die demnächst einen kräftigen Wachstumsschub zeigen sollen. "Zu stark angeschoben" würden Pflanzen, die auf stickstoffreiche Nahrungsergänzungen empfindlich reagieren; Erbsen, Möhren, Knoblauch und Zwiebeln zählen z. B. zu ihnen. Alle Starkzehrer können dagegen einen schnell wirkenden Düngerschub in der Zeit vor der Ernte recht gut gebrauchen.

Die klassischen starkzehrenden Pflanzen sind unter den Kreuzblütengewächsen (Rettich, Radieschen, Rucola, alle Kohlarten bis auf Kohlrabi, Grünkohl, Kohlrüben) und den Nachtschattengewächsen (Aubergine, Kartoffel, Paprika und Co., Tomaten, Gurken, Kürbisgewächse) zu finden. Aber auch Artischocken, Erdbeeren, Rhabarber, Rüben (Mangold, Rote Bete, Zuckerrüben), Sellerie, Sonnenblumen, Spargel, Spinat, Chrysanthemen, Geranien und alle Obstbäume freuen sich über ein paar Schlückchen Brennnesseljauche während der Wachstumssaison.

Weiter fördert die Brennnesseljauche bei allen Grünpflanzen die Entwicklung des grünen Blattfarbstoffs Chlorophyll, der die Photosyntheserate und damit das Wachstum fördert, lockt nützliche Bodenhersteller wie Regenwürmer an und wirkt ¬vorbeugend gegen ausufernde Vermehrung von Pilzen.

Wenn es nicht um Schädlingsabwehr, sondern ums Düngen geht, sollte die Flüssigkeit nicht über die Blätter, sondern nur auf den Boden im Wurzelbereich gegossen werden. Denn die Jauche in10facher Verdünnung ist immer noch so kräftig, dass sie zarte Blätter und Stängel verbrennen könnte.

Gärende Jauche

Wenn Sie empfindliche Pflanzen im Garten haben, können Sie schon während des Gärvorgangs ein wenig Jauche abzweigen. Mischen Sie einen Liter gärende Brennnesseljauche mit einem halben Liter Schachtelhalmjauche, und sie haben ein hervorragendes Pflanzenstärkungsmittel gegen Blattläuse und Spinnmilben. Mit diesen 1,5 Litern kommen Sie auch sehr weit: Die kräftige Essenz wird 50fach verdünnt, bevor sie kurz vor der Blatt- und Blütenbildung auf die Pflanzen versprüht wird. Trotzdem sollten Sie direkt auf die Pflanzen versprühte Jauchen möglichst immer dann ausbringen, wenn die Pflanzen nicht gerade voll von der Sonne bestrahlt werden, also an trüben Tagen, abends, in der Dämmerung.

Kaltwasserauszug von der Brennnessel

Den Kaltwasserauszug könnten Sie theoretisch von einer gerade angesetzten Jauche abzweigen; da er unverdünnt ausgebracht wird, kann er aber auch gleich in der Gießkanne angesetzt werden. Geben Sie 1 kg zerkleinerte Brennnesseln in eine 10-l-Gießkanne, lassen Sie sie 12 - 24 Stunden stehen und gießen oder sprühen Sie das Gemisch überall dorthin, wo sich zu viele Blattläuse tummeln. Die Behandlung wiederholen Sie so oft, bis die Blattläuse bis auf Reste dezimiert sind. Bei diesen Resten können Sie dann einfach abwarten, bis sie zur nächsten Pflanze umziehen oder das Zeitliche segnen. Auch hier gilt wieder: Nicht in direkter Sonne arbeiten, damit es keine Verbrennungen gibt.
Brennnesselsud
Die Brennnesseljauche kann im Frühjahr (sobald genug Brennnesseln gesammelt werden können) in größeren Mengen angesetzt werden und zum Teil in fest zu verschließende Gefäße abgefüllt werden, in denen sie sich bis zum Herbst hält. Vor dem Abfüllen für eine etwas längere Lagerung sollten noch nicht zersetzte Pflanzenteile abgeseiht oder herausgesammelt werden und zur weiteren Verrottung auf den Kompost gegeben werden.
 
Tipp
Wenn Ihnen jemand erzählt, dass sich die Brennnesseljauche wohl kaum bis zum Herbst halten wird: Kann sein, es handelt sich um eine Flüssigkeit voller lebendiger Mikroorganismen, die genau wie selbst angesetzter Holunderblütensekt weiter arbeitet und im Extremfall "explodieren" könnte. Macht aber nichts, wer im Garten wirklich Natur um sich haben will, hat es mit einer Menge lebender Organismen zu tun, die sich alle mal ein wenig unvorhergesehen verhalten können … und eine Jauche, die weiter gärt oder umschlägt, kann immer noch den Kompost bereichern.